So ähnlich wie Pain aux raisins

Schnecke

Ich probierte das Gebäckteilchen von der Bäckerei, was ich nur gekauft hatte, weil ich unbedingt eines wollte. Es sah eigentlich nicht mal lecker aus und der Name war auch abartig, aber immerhin war es ansprechender als der Rest und ich wollte einfach wirklich ein Gebäckteilchen. Noch während des ersten Bissens, stellte mein Gehirn anscheinend einen unglaublich Aufwand an und ich mir eine Millisekunde später die Frage (Zeugma kann ich), ob schon wieder Zukunftstag war.

Meine Geschmacksnerven nahmen nichts Gutes wahr, aber das, was sie verspürten, ließ bereits erahnen, dass eine 12 Jahre alte Schülerin jetzt mächtig stolz sein würde. Schon immer hatte sie davon geträumt, ihr eigenes Gebäckteilchen zu kreieren und da war der Zukunftstag in der Bäckerei doch eine wunderbare Gelegenheit. Ohnehin war sie unter den fünf anwesenden Schülerinnen und Schülern, die einzige mit wirklichen Ambitionen gewesen. Während die anderen vier bereits morgens um 6 Uhr einfach nur ein mehrstündiges „All-you-can-eat-Erlebnis. Teigwaren Edition“ witterten, hatte sie, die schon immer ein bisschen manisch gewesen war, eine Vision von Kakaocreme, Schokolade und Zuckerguss vereint in zu einer Schnecke geformtem Blätterteig. Und was soll ich sagen? Das war einfach eine Scheiß-Idee. Auch wenn einige Zwölfjährige ihre entwicklungsbedingte Unsicherheit sich selbst gegenüber durch  seltsames, manchmal beinahe soziopathisches Verhalten gegenüber anderen zu kompensieren versuchen, sei gesagt, dass die Entstehung dieser Gebäckvariation nicht mit der Bezugsnorm entsprechenden Verhaltensweisen zu begründen ist. Und ja, vielleicht mag der Gaumen eines Teenagers noch von den bunten Kiosktüten und blauen Getränken gefärbt sein, aber diese Kreation schien mir auch für den Geschmackssinn einer 12-Jährigen arg gewagt zu sein. Schokolade und Zuckerguss gleichzeitig zu verwenden, war wohl nicht die cleverste ihrer Ideen gewesen, aber auch die Mitarbeitenden der Bäckerei brachten es nicht übers Herz den enthusiastischen Teenager an seinem großen Tag zu enttäuschen. Und so fand das Gebäckteilchen aus Mitleid sogar Eingang in die Theken unterschiedlicher Bäckereifilialen, in die undesinfizierten Hände der Bäckereifachverkäufer_innen, in die viel zu dünne Papiertüte und von dort aus in meine Flosse, in meinen Mund und in alle weiteren hier nicht zu thematisierenden Abteile meines Verdauungstraktes sowie in den Teil meines Gehirns, der mir mit der Geschwindigkeit eines weißen BMWs auf einer deutschen Autobahn, mitteilte, dass das echt nicht schmeckte, aber ich, ich wollte ja unbedingt ein Gebäckteilchen. Wenn ich bedenke, wie viele Verwandte das Mädchen zu dem Zeitpunkt vermutlich bereits gebeten hatte, die Kakaocreme-Schokolade-Zuckerguss-Blätterteig-Schnecke zu kaufen und wie viele von diesen, sie wiederum wenig durchgekaut und mindestens genauso wenig begeistert heruntergeschluckt hatten, um die junge Dame dann mit einer Vielfalt gelogener Komplimente zu überschütten. Und diese waren sicher so dermaßen gelogen und ausgedacht, dass es schon fast ironisch und bestimmt nicht mehr pädagogisch wertvoll, im Sinne einer Stärkung des kindlichen Selbstbewusstseins, war. Als ihre Oma endlich, sich die Hühnerfedern aus dem Gesicht wischend, vom Mottorad abstieg und das Teilchen probierte, nannte sie es eine „wahre Geschmacksexplosion“. Bruder Jakob postete, gleich nachdem er aufgewacht war, ein Bild von der Schnecke mit dem Hashtag #foodpornauf Instagram und die tussige Cousine Jolene, die einfach jeden Mann haben konnte, sagte irgendwas mit „Orgasmus“, was die ein duzend Jahre alte Bäckerin aber nur so halb verstand und sich auch noch nicht ganz sicher war, ob das wirklich etwas Gutes bedeutete. Mama hatte direkt fünf weitere Schnecken eingefroren, Papa nahm anstatt des obligatorischen Leberwurstbrotes auch eine Gebäckteilchen mit zur Arbeit und ein blaues Vögelchen zwitscherte mir, dass es sich auch ein amtierender Präsident nicht nehmen ließ, auf einer sozialen Plattform unter dem Hashtag #wet ein paar Worte über die Schnecke und ihre schleimigen Sekrete  zu verlieren.

Aufgrund all des positiven Zuspruchs entschied sich die junge Bäckerin nach dem Zukunftstag ihr Dasein nicht länger auf der Schulbank zu fristen und sich direkt auf das Bachelorstudium „Cake Studies“ mit dem Schwerpunkt „Pastry Design“ in Essen, geleitet von dem berühmtesten Lehrstuhlinhaber der Branche, Prof. Dr. F. Kranz,  zu bewerben. Naja und wegen ihrer populären Kakaocreme-Schokolade-Zuckerguss-Blätterteig-Schnecken und ihrer vielfältigen am Zukunftstag erworbenen Kompetenzen, wurde sie auch mit einem Grundschulabschluss für das Studium zugelassen. Die Geschichte des 12 Jahre alten Mädchens zeigt uns wieder einmal, dass wir in einem Land leben, in dem jeder alles schaffen kann. Die Geschichte zeigt, wie groß die Kraft der Liebe (und die Kraft von sozialen Medien) ist und nicht zuletzt zeigt sie auch, wie sehr ich ein Gebäckteilchen wollte. Ich wollte nämlich wirklich unbedingt ein Gebäckteilchen. Danke, M. Thanks, O.

 

 

Werbeanzeigen
So ähnlich wie Pain aux raisins

Dir hat der Beitrag gefallen oder Du hast konstruktive Kritik für mich?! Lass mir gerne einen Kommentar da!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s