Die Kunst des Akzeptierens

„Ich kann kein Mathe. Aber ich akzeptiere das. Ich lerne jetzt auch nicht mehr für Arbeiten. Ich habe wirklich erkannt, dass ich es einfach nicht kann. Auch wenn Frau Geometrie und Herr Algebra das doof finden – ich akzeptiere das wirklich!“

Als ich vor einiger Zeit mein Freundebuch aus meiner Teeniezeit herausgekramt habe, musste ich an einer Stelle ehrlich grinsen. Naja, eigentlich musste ich an mehreren Stellen lachen…, z.B. weil ich selber als Hobby „icq“ oder als Lieblingsband  “ The Pussycat Dolls“ angegeben hatte. Besonders grinsen musste ich aber deshalb:  Ein Junge,  ebenfalls im Teeniealter, antwortete bei „Was ich besonders gut kann„: „Sachen aufnehmen und annehmen„. Andere junge Menschen hatten so Sachen wie „telefonieren“, „tanzen“ oder „nerven“ ;-) geschrieben, aber er war der Meinung, dass er gut darin sei, Dinge auf- und anzunehmen. Ob er das wirklich konnte oder ob er es nur unglaublich cool fand, diese zwei unglaublich erwachsen klingenden Worte dort hineinzuschreiben, weiß ich nicht. Aber klar ist: Etwas annehmen oder akzeptieren zu können, schien ihm wohl irgendwie positiv zu sein. 

okay

Akzeptieren ist kompliziert. Erstmal müssen wir uns überlegen, ob wir etwas wirklich akzeptieren wollen. Es gibt Dinge, die müssen wir nicht annehmen wie sie sind, weil wir sie in der Hand haben und sie verändern können. Das kann schwierig sein und lange dauern, aber es kann sich lohnen. Für „Ich lern kein Mathe mehr!“ gilt das allerdings nicht, auch, wenn man seine grundlegenden Mathefähigkeiten natürlich hinnehmen muss…

Und auch andere Dinge müssen wir annehmen: Wir müssen akzeptieren, dass in unseren Leben manchmal Scheiße passiert, die wir zumindest grundlegend nicht verändern können. Wir müssen uns akzeptieren, auch wenn wir mal wieder vor dem Spiegel stehen und uns fragen, wie das nur passieren konnte. Wir müssen uns und andere akzeptieren. Wir müssen akzeptieren, dass wir manchmal Menschen lieben und nicht zurückgeliebt werden. Wir müssen akzeptieren, wenn es regnet und eins ist sicher: Es regnet – egal ob wir es akzeptieren oder nicht! Also heißt es Regenschirm auspacken, aufpassen, dass wir nicht ausrutschen und Gummistiefel anziehen. Aber manchmal ist genau das eben nicht so einfach. Manchmal wollen wir Dinge einfach nicht akzeptieren, obwohl wir wissen, dass wir sie nicht durch uns selbst verändern können. Dann wollen wir keinen Regenschirm, keine Gummistiefel und nehmen auch in Kauf, nach 2 Metern in der ersten Pfütze zu liegen. Wir werden grummelig und bissig –  nass und schmutzig. Und diese Kombination ist wirklich ungünstig. Aber die Erkenntnis, dass etwas unveränderbar ist, macht es noch lange nicht akzeptabel. Wenn ich mich frage, was wir brauchen, um Dinge anzunehmen, dann fällt mir eigentlich gar nicht so viel ein. Ich bin nicht sicher, ob wir besondere Fähigkeiten dazu brauchen. Aber ich bin sicher, dass wir unsere eigenen Fähigkeiten kennen müssen, um zu akzeptieren. Wir müssen verstehen, was an uns selbst schwach oder nervig ist, genauso wie wir verstehen müssen, was uns selbst ausmacht und was an uns toll ist. Ich bin nicht sicher, ob wir besondere Menschen brauchen, um zu akzeptieren. Aber ich bin sicher, dass wir Menschen brauchen, die wissen, was an uns schwach und nervig ist, genauso wie sie wissen, was uns ausmacht und was toll an uns ist. Wir brauchen Menschen, die uns schätzen. Nur so können wir bemerken, dass wir wertvoll sind. Und wenn wir das Wertvoll-Sein erkannt haben, können wir lernen Dinge zu akzeptieren. Der Schlüssel liegt nicht in der Sache, die Du überstehen oder annehmen musst. Der Schlüssel liegt in Dir. In dem, was Du von Dir denkst und in dem, was andere Dir zurückspiegeln. Und wenn Du akzeptieren kannst, wirst Du auch erkennen, dass annehmen nicht heißt, immer gut gelaunt und froh zu sein. Du darfst Dinge beschissen finden und sauer sein und heulen (Ja, auch wenn Du ein Mann bist!) – nur eben nicht 24h am Tag, 7 Tage die Woche, 30 Tage im Monat. Irgendwann wirst Du hoffentlich auf die Idee kommen, Dir Gummistiefel zu kaufen. Und einmal in der Woche kannst Du sie ja auch ausziehen und über den Regen weinen und schimpfen. 6 Tage Stiefel, 1 Tag Wut oder Trauer – Jede Woche so kombiniert wie es Dir gerade passt. Nur so wirst Du nicht dauerhaft grummelig und bissig und nass und dreckig. – Und kannst „Dinge annehmen“ in das nächste Freundschaftsalbum schreiben..

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Die Kunst des Akzeptierens

4 Gedanken zu “Die Kunst des Akzeptierens

  1. flyflewflown schreibt:

    Liebe Wiebke,

    ich kann mich dem Vorposter nur anschließen, wunderbar und weise geschrieben, ohne den erhobenen Zeigefinger mitschwingen zu lassen.

    Bitte weitermachen!

    Dir eine schöne Weihnachtszeit.

    Gefällt 1 Person

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