Von Stempeln und abwischbaren Folienstiften

Manchmal sprudeln irgendwelche Texte aus mir heraus. Obwohl dies eigentlich ein Fotoblog ist, möchte ich Dich daran teilhaben lassen. Das ist mein Blog, mein“Ich-tobe-mich-kreativ-aus-Raum“ und da darf ich das. Der Blog befindet sich noch am Anfang und vielleicht wird sich das Konzept noch ändern, vielleicht auch nicht. Wie auch immer: Hier ein etwas gesellschaftskritischer Text, der mir sehr am Herzen liegt. 

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Als Kind mochte ich Stempel. Ich hatte welche von dem kuscheligen Hasen Felix. Stempel sind toll. Ich dachte ich würde außer die paar in der Regalschublade keine mehr besitzen, aber das stimmt gar nicht. Ich habe unendlich viele Stempel. Ich trage sie immer bei mir – wer weiß, wofür man sie mal gebrauchen kann.

Wenn ich durch die Stadt gehe, dann habe ich Stempel dabei. Wenn ich in die Uni gehe, dann habe ich Stempel dabei. Wenn ich spazieren gehe, dann habe ich Stempel dabei. Wenn ich ins Kino gehe, dann habe ich Stempel dabei. Eine ganze Reihe sogar. Und während ich so durch die Stadt laufe, packe ich meine Stempel aus. Ich packe meine Stempel aus und klatsche sie den Menschen ins Gesicht. Mitten auf die Stirn setze ich den Stempel.

SCHLAMPE“ steht da bei der Frau, die einen kurzen Rock trägt. In Großbuchstaben steht dieses Wort mitten auf ihrer Stirn und das, obwohl es mir eigentlich egal ist, dass sie einen kurzen Rock trägt. Aber ich kann diesen Stempel doch nicht einfach in meiner Tasche vergammeln lassen. Es hat der Gesellschaft so viel Mühe gekostet diesen Stempel zu erstellen. Dann muss ich ihn doch auch benutzen, oder?!

HOMO“ steht da bei dem Mann, in dem pinken Shirt und das, obwohl es mir eigentlich vollkommen egal ist, dass er ein pinkes Shirt trägt und obwohl es mir eigentlich vollkommen egal ist, wenn er schwul ist und obwohl es mir eigentlich klar ist, dass es keinen Zusammenhang zwischen pink und schwul gibt. Aber ich kann diesen Stempel doch nicht einfach in meiner Tasche vergammeln lassen. Es hat der Gesellschaft so viel Mühe gekostet diesen Stempel zu erstellen. Dann muss ich ihn doch auch benutzen, oder?!

ÜBERMUTTI“ steht da bei der ungestylten Frau, die in der Drogerie Waschpulver kauft, obwohl es eigentlich schön ist, wenn sie eine glückliche Mutter ist und obwohl es mir eigentlich egal ist, dass sie nicht aussieht wie die Frau aus der Waschpulverwerbung & obwohl ich weiß, dass es keinen Zusammenhang zwischen Waschpulver, ungestylt sein und Mutter sein gibt. Aber ich kann diesen Stempel doch nicht einfach in meiner Tasche vergammeln lassen. Es hat der Gesellschaft so viel Mühe gekostet diesen Stempel zu erstellen. Dann muss ich ihn doch auch benutzen, oder?!

ASOZIAL“ steht da bei den Typen mit den grünen Haaren, die am Bahnhof rumlungern. Und das, obwohl es mir eigentlich egal ist, dass sie da rumsitzen, solange sie niemandem etwas tun und obwohl ich weiß, dass es zwischen Bahnhöfen, grünen Haaren und asozial keinen Zusammenhang gibt. Aber ich kann diesen Stempel doch nicht einfach in meiner Tasche vergammeln lassen. Es hat der Gesellschaft so viel Mühe gekostet diesen Stempel zu erstellen. Dann muss ich ihn doch auch benutzen, oder?!

Uns sollte bewusst sein: Unsere Gesellschaft produziert Stempel am laufenden Band. Wir sollten es uns nicht übel nehmen, dass wir Menschen abstempeln. Wir können nichts für unsere Gedanken. Manchmal können wir nichts für das, was da in unseren Köpfen vorgeht. Aber ist die Stempelwirtschaft angebots- oder nachfrageorientiert? Kaufen wir Stempel, weil so viele da sind? Oder gibt es so viele Stempel, weil wir sie kaufen?

Wir sollten es einfach mal ausprobieren: Vielleicht sollten wir aufhören Stempel zu kaufen.

Wir sollten die Stempel ersetzen, durch abwischbare Folienstifte. Abwischbare Folienstifte – falls wir uns mal geirrt haben. Abwischbare Folienstifte – weil wir das, was wir den Menschen auf die Stirn geschrieben haben, so groß geschrieben ist, dass gar nichts anderes mehr hinaufpasst.

Denn hätten wir uns vielleicht mit der Person beschäftigt, hätten wir sie kennen gelernt und erfahren, dass es wahnsinnig viele Beschreibungen für diese eine Person gibt. Dass unsere entweder falsch war oder dass sie richtig waren, aber nicht ausreichend. Wir können das großgeschriebene „ASOZIAL“ wegwischen und es klein wieder hinschreiben und vielleicht ein größeres „LIEBENSWERT“ daneben schreiben. Weil die als asozial abgestempelte Person sich vielleicht auch als liebenswert herausstellt. Vielleicht trotzdem ein bisschen asozial…aber eben auch liebenswert. Und vielleicht lustig, aufbrausend, schlecht geschminkt, ehrlich. All das muss mit drauf auf die Stirn.

Und vielleicht kann aus unserer Stempelgesellschaft eine abwischbare-Folienstift-Gesellschaft werden.

Früher mochte ich keine abwischbaren Folienstifte, weil die so schmieren. Ich dachte ich würde außer die paar in der Regalschublade keine mehr besitzen, aber das stimmt gar nicht. Ich trage immer abwischbare Folienstifte bei mir – wer weiß, wofür man sie mal gebrauchen kann. Wenn ich durch die Stadt gehe, dann habe ich abwischbare Folienstifte dabei. Wenn ich in die Uni gehe, dann habe ich abwischbare Folienstifte dabei. Wenn ich spazieren gehe, dann habe ich abwischbare Folienstifte dabei. Wenn ich ins Kino gehe, dann habe ich abwischbare Folienstifte dabei.

Und für mich ist das: vollkommen in Ordnung.

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2 Gedanken zu “Von Stempeln und abwischbaren Folienstiften

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